Prevartblog - was wir auch noch sagen wollten

Sich sachte der Lösung nähern

Neulich sagte mir ein Architekt, das wohl mehr als 90% der Gebäude nach ihrer Fertigstellung gar nicht so funktionieren wie geplant. Alles muss heute geplant, vorhergesehen, berechnet, verschriftlicht und mit Normen abgesichert werden. Die Erfahrung von Fachleuten und der gesunde Menschenverstand spielen keine Rolle mehr. Wir wollen alles "subito", vollständig, ganz gut - koste es was es wolle. Ein sich der Lösung annähren ist keine Option. Man müsste ja Risiken eingehen oder gar etwas nachbessern oder justieren. Besser sich einer Norm unterwefen, dann ist man auf der sicheren Seite. Wir peilen das Maximum mit Gurt und doppeltem Hosenträger an, damit (gefühlt) gar nichts schief gehen kann und die Verantwortung irgendwo im Nirwana liegt.

Prototypen werden üblicherweise gebaut, um neue Lösungen auszuprobieren sowie Funktionalität und Dauerhaftigkeit zu prüfen. Bei den meisten Depot- und Archivbauten gilt dies leider nicht; sie sind Unikate - keine Prototypen. Sie sollen von Anbegin weg perfekt sein, weil sie ja Kulturgut aufnehmen und schützen sollen. Also werden alle Register der verfügbaren Technik gezogen alle Bedenken müssen asugeräumt sein frei nach dem Moto viel Technik ist sicher auch viel besser.

In der Klimatechnik spricht man oft davon, dass es mindestens ein Jahr (einen ganzen Jahreszyklus) braucht, eine  Klimaanage sauber einzuregeln. Wer macht das schon? Es wird zwar viel gemessen, aber selten daraus kluge Schlüsse gezogen. Noch seltener wird dann auch noch wirklich optimiert (eine löbliche Ausnahme ist z.B. das Museusmdepot des Kunsthstorischen Museums in Wien in Himberg, wo die Erkennnisse aus dem Betrieb in die Optimierung einflossen, der Energieverbrauch nochmals erheblich gesenkt werden konnte und dennoch eines der stabilsten Klimas in Depots gefahren werden kann). Dies braucht Ressourcen aus dem Betrieb - das kann aber oft nicht mehr im Baubudget abgerechnet werden.

Könnte man nicht mal bescheidener beginnen, auf alte Hasen und Häsinnen hören, mal nicht die technische Höchstausstattung mit maximalen Leistungsreserven von vornherein anstreben, die dann oft gar nicht erforderlich ist. Man könnte mal mit Erfahrung, gesundem Menschenverstand und mit einem Minimum beginnen, dann die Prototypenphase durchlaufen, justieren, optimieren und vielleicht auch nachbessern, verbessern und ergänzen. Vieles wäre mit weniger Technik, mit weniger Aufwand und auch deutlich günstiger zu haben. Man müsste wieder Bescheidenheit wagen, Haltung zeigen, nach bestem Wissen und gewissen Verantwortung übernehmen und nicht jede Aussage gleich vorher noch durch einen Juristen prüfen lassen. 

Lasst uns doch wieder einmal der Lösung sachte annähern, statt das Problem mit Paragrafen, Normen und viel teurer Technik zu erschlagen. Kultrgut ist meistens geduldig (weit mehr als wir) und wird es uns auf die Länge sicher danken. Diese Zeit müssen wir (und das Kulturgut) uns nehmen.

Also liebe Leute - macht den Architekten, Klimatechnikern und sonstigen Planern nicht das Leben schwer mit absurden Vorgaben und Forderungen. Erklärt vielmehr, um was es bei Kulturguterhaltung auf lange Frist wirklich geht, was ist unser wirkliches Ziel. Es ist dies nicht das technisch machbare heute und morgen, sonder das sinnvolle und tragbare, das in den nächsten paar dutzend Jahren funktionieren soll. Schafft Vertrauen, dass man aus Fehlern lernen kann, dass man besser werden kann und dass man gemeinsam eine gute Lösung findet - keiner will irgend etwas oder irgend jemanden schädigen. Sperrt die Nörgeler, Bedenkenträger, Angsthasen und Juristen aus unserem Denken aus - dann macht es wieder richtig spass etwas gemeinsam in Angriff zu nehmen. Wir beginnen einfach - vielleicht ist dies bereits die Lösung.

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Der Kulturgüterschutz in der Schweiz ist nicht ganz dicht

Über das Risiko von Depots und Archiven in ehemaligen Zivilschutzanlagen

In den vergangenen 25 Jahren wurden mehrere Museen und ihre Depots von Unwetterschäden betroffen. Objektsammlungen und Archive mussten evakuiert, geborgen und zum Teil in mühevoller und kostspieliger Kleinarbeit getrocknet und wieder aufbereitet werden. Dies waren punktuelle, massive Ereignisse, die auch in der Presse thematisiert wurden. (Z.B. Sarnen, Kloster St. Andreas, 2005; Luzern, Verkehrshaus, 2005; Thun, Bernisches Historisches Museum 2005; Aarau, Schlössli 2007; Baden, Historisches Museum 2021; Luzern, Historisches Museum, und Naturmuseum, 2021). 

Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Depots vieler Museen, vor allem der kleineren, in ehemaligen Zivilschutzanlagen untergebracht sind. Es handelt sich um massive, unterirdische Anlagen, die heute nicht mehr dem Bevölkerungsschutz dienen oder den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen. Die Anlagen stammen teilweise aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, andere wurden im Zuge des Kalten Kriegs in den 1950er- bis 1980er-Jahren nach dem jeweiligen Stand der Technik gebaut.1 Die Gebäude sind in die Jahre gekommen und haben zunehmenden Sanierungsbedarf. Die Betonqualität der frühen Bauten ist schlecht, (Schwarz-)Abdichtungen und Maueranschlüsse sind marode und die Sickerleitungen haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. All dies müsste erneuert oder nachgebessert werden.

Die baulichen Mängel sind die Ursache dafür, dass viele der umgenutzten Zivilschutzräume heute undicht und feucht sind und ständig entfeuchtet werden müssen. Bei der Bausubstanz besteht ein erheblicher Sanierungsstau, der oft unerkannt (oder verdrängt) in den Untergeschossen öffentlicher Bauten wie Schulen, Gemeindehäusern, Altersheimen und Spitälern oder auch in ehemaligen militärischen Anlagen liegt.

Die baulichen Unzulänglichkeiten in den ehemaligen Zivilschutzanlagen bergen ein erhebliches Risiko für die dort eingelagerten Kulturgüter. Wenn die Sanierung aufgeschoben wird, laufen wir Gefahr, dass die Behebung von Wasser- und Feuchtigkeitsschäden an Objektsammlungen und in Archiven weitaus größere Kosten verursachen wird, als eine Sanierung der Bausubstanz gekostet hätte.

Das nächste Jahrzehnt sollte daher zum Jahrzehnt der Depotsanierungen ausgerufen werden. Dies könnte auch ein willkommener Anlass sein, über Sammlungsstrategien und -wachstum nachzudenken.

 

Wasserundurchlässiger Beton, wasserdichte Wannen und systematische Fugenabdichtungen kommen erst ab den 1960er Jahren allmählich auf und wurden bei vielen dieser Zivilschutzbauten noch nicht oder nur ungenügend berücksichtigt.

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Machen wir doch eine Machbarkeitsstudie

Machbarkeitsstudien scheinen im Trend zu liegen. Vorzugsweise beginnt man zuerst mit dem "Machen" und studiert dann später, was eigentlich die erforderlichen Grundlagen dafür wären. In Sitzungen, Studien und Berichte fliesst viel Geld und am Schluss weiss man gleich viel, wie der gesunde, geerdete Menschenverstand bereits mit deutlich geringerem Aufwand hätte erkennen können.

Nichts gegen Machbarkeitsstudien zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Tiefe. Man prüft die Machbarkeit eines Projekts unter gegebenen Umständen, um präziser zu erkennen ob etwas wie angedacht umsetzbar ist (oder auch nicht). Dabei arbeitet man sich vor vom Groben zum Detail - gerade so weit, wie es erforderlich ist, um weitere Entscheide fällen zu können und das weitere Vorgehen zu definieren. Phasengerechtigkeit ist hier angesagt.

Vielleicht spiegelt der vermehrte Einsatz sogenannter Machbarkeitsstudien auch nur den Zeitgeist wider. Alles muss belegt, geprüft, normiert und verschriftlicht sein. Alles muss festgelegt sein, bevor man etwas wagt; das Endprodukt muss bereits klar vor Augen stehen und jedes Risiko ausgeschlossen sein - nur keine Überraschungen bitte!

Eine Machbarkeitsstudie in deren ursprünglichem Wortsinn dient im Grundsatz lediglich dazu, die Machbarkeit abzuklären und weitere Entscheidungsgrundlagen bereitzustellen. So kann entschieden werden, ob ein Projekt weiter voranzutreiben, mit guten Gründen zu redimensionieren oder gar abzubrechen ist - mehr nicht. Es wird beispielsweise geprüft, ob ein festgelegtes Raumprogramm auf einem bestimmten Grundstück umsetzbar ist und gegebenenfalls ob dies im vorgesehenen Kostenrahmen auch realisierbar ist. 

Lasst uns zu Beginn eines Projekts oder einer Machbarkeitsstudie fragen: "Wer sind wir?", "Was möchten wir?" "Was brauchen wir wirklich?" - also belastbare Grundlagen erarbeiten. Zu Handen der Autoren einer Machbarekitsstudie ist sodann zu fragen: "Was wollen wir?", "Wieviel wollen wir?",  "In welcher Qualität wollen wir etwas?" und letztlich auch: "Was können wir uns leisten?". Je präziser wir uns und anderen Fragen stellen, desto besser und objektiver lassen sich die in einer Machbarkeitsstudie gestellten Fragen beantworten. Die Antworten wiederum sind die Grundlage für eine ehrliche Entscheidfindung, welche das gross Ganze im Auge hat und nicht nur Einzel- oder Teilinteressen: "Ist ein bestimmtes Projekt unter den gegebenen Umständen machbar und macht es auch Sinn?"

Eine Machbarkeitsstudie ist kein Instrument zur Rechtfertigung vorgefasster Meinungen und vermeintlicher Sachzwänge, das sich nach politischem Willen oder aus anderen Gründen zurechtbiegen lässt. Eine derartige Studie soll in einem frühen Stadium der Projektentwicklung als objektives Hilfsmittel dienen, um die Qualität der Projektarbeit zu sichern und zu verbessern, letztlich auch um Projekte nicht über Gebühr in die Länge zu ziehen. Manch langwieriger und kostspieliger Irrweg liesse sich vielleicht so vermeiden.

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Der Mythos vom Passiv-, Nullenergie- oder Plus-Energie-Depot

Passiv-, Nullenergie- oder Plus-Energie-Depot sind Schlagwörter in aller Munde. Schaut man sich die Sache jedoch genauer an, dann kann man bei Depots, die mit diesen Labels versehenen sind heute bestenfalls von (verhältnismässig) Niedrigenergiedepots sprechen. Meistens wird der Energieverbrauch übers Jahr und die Energieproduktion vor Ort (z.B. durch Photovoltaik) miteinander verrechnet und schwups wird die Energiebilanz ausgeglichen oder gar positiv und das Depot "passiv". Dies ist ein Trugschluss, denn die heutigen Depots benötigen Energie zum Betrieb ihrer haustechnischen Anlagen - auch in Zeiten mit ausbleibender oder geringer Eigenproduktion elektrischer Energie vor Ort. Wir sind also zeitweise abhängig von ausserhalb produzierter, zugeführter Energie. Zudem funktioniert das "System Depot" ohne Energiezufuhr z.B. für Entfeuchtung oder Temperierung im schlechtesten Fall gar nicht. Langfristig gesehen (über Jahrzehnte oder Jahrunderte), gehen wir daher ein beträchtliches Risiko ein, dass das Klima im Innern eines Depots bei einem länger andauernden Stromausfall oder bei einem Ausfall der technischen Installationen ins Schlechte kippt. 

Historische Aufbewahrungsorte von Kulturgut (Bibliotheken, Archive, Schatzkammern - von Depots sprach zu deren Entstehungszeit noch niemand) verfügten gar nicht über die uns heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. Sie waren im wahrsten Sinne "passiv", wenn man davon absieht, dass sie durch Menschen sporadisch betreten, behutsam gelüftet und regelmässig gepflegt wurden. Sie lagen an sinnvollen, oft erhöhten Orten vor Naturgefahren und Feuchtigkeit angemessen geschützt. 

Wir haben wahrscheinlich in den vergangenen 50 Jahren in unseren Depots mehr Kulturgut verloren oder geschädigt durch Fehlfunktion bzw. Ausfall aktiver Klimmaanlagen, als dass wir an Lebenserwartung für die Sammlugsobjekte dazugewonnen hätten. Insbesondere auch, wenn man miteinbezieht, dass mit der Technikgläubigkeit früher selbstverständliche Kontrollgänge durch Mitarbeiter unterblieben und Misstände (z.B. Wassereinbruch) bzw. Fehlfunktionen (z.B. Dauerbefeuchtung) und Ausfälle technischer Anlagen (z.B. ausbleibende Entfeuchtung) oft über längere Zeit unentdeckt blieben - mit zuweilen verheerenden Auswirkungen. Dazu hat auch beigetragen, dass durch überbordende Sammlungstätigkeit vermehrt Aussendepots angelegt wurden, welche nur sporadisch begangen und kontrolliert wurden. Personelle Ressourcen wurden zudem in die Ausstellungstätigkeit verlagert.

In Zeiten von Klimawandel und Energeiknappheit * ist eine Umorientierung dringend erforderlich hin zu vernünftigen Depotkonzepten, welche im schlechtesten Fall auch über längere Zeit ohne energieabhängige Technik auskommen, sowie trocken und schädlingsfrei bleiben.

* Vielleicht brauchen wir die verfügbare Energie und ggf. auch jene Energie, die auf dem Dach eines Depots produziert wird, dereinst für andere, wichtigere oder gar lebensnotwendige Aufgaben.

Nicht delegieren können wir die Verantwortung der Institutionen und MitarbeiterInnen für die betreuten Sammlungen und die Aufgabe stets mit offenen Augen durch unsere Sammlungen zu gehen, sie angemessen aufzubewahren sowie sie ordentlich und sauber zu halten.

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Wieviel Kulturgut tut einer Kultur gut ?

Dem ungebremsten Anwachsen von Sammlungen stehen zwei wichtige Faktoren entgegen: die knapper werdenden finanziellen Mittel der öffentlichen Hand zur Erhaltung, Pflege, Erforschung und Nutzung der Sammlungsobjekte sowie die stark zunehmenden Aufwendungen, vor allem getrieben durch die stetig steigenden Technik- und Energiekosten. Zukünftig wird die Sammlungstätigkeit daher nicht mehr nur vom Wunsch nach Vergrösserung und Vervollständigung einer Sammlung geprägt sein, sondern die Frage nach der Tragbarkeit der nötigen Infrastruktur wird an Bedeutung gewinnen. Kann der angemessene Betrieb einer Infrastruktur nicht gewährleistet werden, müssen neue Strategien gefunden und umgesetzt werden, um das Gesamtziel – die Überlieferung von relevantem Kulturgut an künftige Generationen – nicht zu gefährden. Die aktive Bewirtschaftung von Sammlungen, mithin auch deren Reduktion zugunsten des Gesamten, ist eine denkbare und zukunftsweisende Strategie. Jede Erweiterung der Depotkapazität muss daher einhergehen mit der Überprüfung der eigenen Sammlungsstrategie und deren langfristigen operativen Umsetzbarkeit.

Zentraldepot der Landeshauptstadt München, mit Hinweisschild vom Oktoberfest.

WACHSTUM – WEGZUG AUS DEN ZENTREN

Am Anfang jeder Sammlung stehen einige wenige Objekte. Diese lassen sich auf beschränktem Raum – oft in privaten Räumen – unterbringen. Durch Neuzugänge wächst die Sammlung, wodurch auch deren Unterbringung sich allmählich verändert. Nach und nach beansprucht die Sammlung mehr Raum, der durch zusätzliche Räume oder Verdichtung bereitgestellt wird. Nicht alles ist nun gleichzeitig sichtbar, und es erfolgt zunehmend eine Trennung zwischen Ausstellung und einem allmählich sich verdichtenden Depot. Mit wachsender Sammlung werden in weiteren Schritten auch Ausstellungs- und Arbeitsräume sowie verfügbare, aber zuweilen ungeeignete Flächen wie Keller, Dachboden oder Flure als Depots genutzt. Später werden auch externe Räume bezogen. Im Idealfall kann eine Institution ihren zunehmenden Platzbedarf durch An- oder Neubauten vor Ort decken. Infolge gestiegener Boden- und Immobilienpreise in den Innenstädten lassen sich derartige Depoterweiterungen jedoch in jüngster Zeit nicht mehr in gewünschtem Masse umsetzen. Depot- und Infrastrukturbereiche werden daher zunehmend in Vororte ausgelagert, oft zugunsten zusätzlicher Ausstellungsflächen am Hauptstandort. Dadurch wird die oft angestrebte örtliche Einheit von Aufbewahrung, Pflege, Erforschung und Ausstellung der Sammlungen immer mehr aufgelöst.

DIE ERNÜCHTERUNG NACH DER EUPHORIE

Der Euphorie der publikumswirksamen Museumserweiterungen in den vergangenen Jahrzehnten folgt die Ernüchterung, den Betrieb mit knapper werdenden Mitteln bei gleichzeitig steigenden Energiekosten aufrechterhalten zu müssen. Mit immer grösser werdenden Häusern und Sammlungen wird auch deren Betrieb immer aufwendiger und teurer. Viele Museen versuchten in den vergangenen 20 Jahren das Problem der Unterbringung ihrer Sammlungen durch neue Zentraldepots zu lösen, um dezentrale Mietobjekte abzulösen und die betrieblichen Abläufe wieder zu optimieren. Dank der um die Jahrtausendwende relativ guten finanziellen Lage der öffentlichen Hand wurden Depots sorglos und im Hinblick auf großzügig prognostizierten Zuwachs geplant und gebaut, wobei die langfristigen Betriebskosten in der Planung kaum je eine Rolle spielten. Wachstum, angemessene Größe, Zusammensetzung und Qualität der Sammlungen wurden kaum je hinterfragt. Zu eng werdender Depotplatz führte stets zur Erschließung weiterer Flächen. Dieses «sorglose Wachstum » ist in vielen Museen zu Ende, und neue, langfristig angelegte Strategien im Umgang mit Sammlungen und Ressourcen aller Art sind gefragt.

MUT ZUM RISIKO GEHÖRT ZUR NACHHALTIGKEIT

Mit zunehmendem Sammlungsumfang bildet der eingelagerte und dadurch nicht permanent sichtbare Bestand einen immer größeren Anteil einer Sammlung. Bei großen Institutionen kann der deponierte Sammlungsbestand zuweilen über 95 Prozent betragen. Gleichzeitig sind die verbleibenden ausgestellten Objekte meistens die Hauptstücke einer Sammlung, die von Besucherinnen und Besuchern sowie Ausstellungsmacherinnen und -machern immer wieder gewünscht werden. Daraus ergibt sich, dass die Nutzungswahrscheinlichkeit1 deponierter Objekte mit abnehmender Bedeutung drastisch sinkt. Ein Großteil der Sammlungsstücke hat tatsächlich kaum eine Chance, je ausgestellt zu werden, und besitzt in erster Linie dokumentarischen oder vervollständigenden Charakter. Kulturgüter werden mit oft zweifelhaften Begründungen gehortet, anstatt als Sammlungen bewirtschaftet und genutzt. Die Aufnahme eines Objekts in eine Sammlung bedeutete meist, das Objekt bedingungslos zu bewahren und nicht mehr aus der Sammlung zu entlassen. Vielfach ist diese Haltung nicht – wie oft vorgeschoben – rechtlich begründet. 2 Vielmehr ist sie dem Unvermögen (oder dem Unwillen) Verantwortlicher geschuldet, eine Sammlung aktiv zu bewirtschaften, Entscheide über den Verbleib eines Objekts in der Sammlung zu treffen und dadurch vertretbare Risiken zugunsten der langfristigen Entwicklung und Erhaltung der Gesamtsammlung einzugehen. Die Maxime lautet: Lieber alles aufbewahren, als das oft als persönlich empfundene Risiko einer Fehleinschätzung beim «Entsammeln» eines Objekts tragen zu müssen. Es ist unbestritten, dass bei jedem Entsammlungsprozess ein gewisses Risiko der Fehleinschätzung besteht. Diese ist jedoch verhältnismäßig selten und ein Abgang aus der Sammlung kaum schwerwiegend im Sinne eines einschneidenden oder existenzbedrohenden Verlusts für die Institution. Selbst bei einem Fehlentscheid ist anzunehmen, dass man mit der veränderten Ausgangslage durchaus leben kann, zumal ein unerkanntes Objekt von begründbarer Qualität oder Bedeutung über kurz oder lang erneut seinen Weg in eine Sammlung oder ein Museum finden wird. Die erhöhte Wertschätzung in einem anderen Kontext kann sogar ein Glücksfall sein, wenn dadurch die langfristige Erhaltung des Objekts gesichert wird. Hingegen kann ein in seiner Qualität oder Bedeutung nicht erkanntes Objekt in einer Sammlung durch Vernachlässigung in seiner langfristigen Erhaltung gefährdet sein. Einen Sonderfall bilden Objekte und Artefakte, die in großen Mengen vorhanden sind. Deren Entlassung aus einer Sammlung und damit aus einem gewissen Kontext kann zur Bedeutungslosigkeit, Marginalisierung oder gar Entsorgung der Objekte führen. Als Argument gegen eine Entsammlung solcher Konvolute wird angeführt, dass ein Artefakt oder Objekt noch nicht seine gesamte Information preisgegeben hat und durch zukünftige verfeinerte Methoden weitere Erkenntnisse zu gewinnen sein könnten. Diese Haltung führt dazu, dass der Anteil an unbearbeitetem oder unausgewertetem Material in den Depots stetig zunimmt und die Aufarbeitung mit zunehmendem Aufschub immer schwieriger wird. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Situation sich in näherer Zukunft grundlegend ändern wird. Die Masse muss daher zugunsten des Gesamten auf ein tragbares, letztlich auch der Öffentlichkeit begründbares Maß reduziert werden.3 Mit zunehmenden Beständen ist dies überlebensnotwendig, um langfristig Ressourcen für die prioritären Aufgaben und die relevanten Sammlungsbestände verfügbar zu haben. Selbst der Verlust eines Quäntchens an Information im Detail mag den frühzeitigen Verlust des Gesamten durch Vernachlässigung nicht aufzuwiegen.

ERSTICKEN AM BESTAND

Die heute weit verbreitete Risikoscheu im aktiven Umgang mit Sammlungen führt zu stetig weiter anschwellenden Sammlungsbeständen und in nicht allzu ferner Zukunft mutmaßlich zu dem, was man als «Ersticken am eigenen Bestand» bezeichnen könnte. Zu viele Objekte schlummern in den Archiven und Depots und entsprechen nur ungenügend einer schlüssigen Sammlungsstrategie. Bei zunehmend angespannter Finanzlage binden diese Bestände wertvolle Ressourcen, die letztlich nicht ausreichen, das Notwendigste für die nachhaltige Aufbewahrung und Pflege der Gesamtsammlungen umzusetzen. Strategielos wachsende Sammlungen können zum Problem für kommende Generationen werden, welchen es zunehmend schwerer fallen dürfte, die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Die wenig sichtbaren Bestände in den Depots und deren Pflege werden am ehesten auf der Strecke bleiben.

SAMMLUNGSSTRATEGIE ALS PLANUNGSGRUNDLAGE

Eine maßvolle und vorausschauende Sammlungspolitik zielt darauf ab, die Sammlung mit den vorhandenen Mitteln thematisch zu fokussieren, langfristig zu erhalten und qualitativ zu verbessern. Eine Sammlung darf daher nur so groß sein, wie deren Erhaltung und Aufbewahrung auch nachhaltig gesichert sind. Selbst verlockende Angebote zur Sammlungserweiterung sind dann auszuschlagen, wenn diese Voraussetzungen nicht gegeben sind. Alternativ kann ein Bestand aktiv bewirtschaftet werden, indem für die Gesamtsammlung weniger bedeutende Bestände abgestoßen werden, um andere Schwerpunkte auf- und auszubauen. Dies erfordert begründbare, zuweilen mutige Entscheide im Sinne eines kohärenten Ganzen.

MUSEUMSDEPOT UND MUSEUMSSTRATEGIE

Ein Museumsdepot ist kein Ort, um unreflektiert und strategielos Objekte zu horten. Vielmehr ist es jenes Gefäß, aus welchem die identitätsbildenden Aktivitäten eines Museums gespiesen werden. Es ist zudem eine der zentralen Grundlagen, um dem klassischen Museumsauftrag «Sammeln – Bewahren – Erforschen – Vermitteln» angemessen nachzukommen. In Anbetracht dieser engen Verknüpfung der Depots mit dem Museumsbetrieb muss einerseits die Depotfrage ein integraler Teil der Museumsstrategie sein; andererseits muss die Sammlungsstrategie die Grundlage jeder Depotplanung sein, da nur so die effektiven und damit die langfristig tragbaren Bedürfnisse fass- und quantifizierbar werden.

WENIGER IST MEHR

Bevor die Erweiterung eines Depots realisiert werden kann, ist eine durchdachte Sammlungsstrategie gefragt, welche nebst dem kulturhistorisch Wünschbaren auch das in der Realität langfristig durch die Institution und ihre Trägerschaft Bewältigbare mit einbezieht. Nicht mehr die Frage der technischen Machbarkeit hat im Vordergrund zu stehen, sondern die Frage nach Angemessenheit und Tragbarkeit. In diesem Sinne ist der Begriff «Horizont 100» zu verstehen. Hierbei wird die Fragestellung der Kulturgütererhaltung von hinten aufgerollt: Was ist heute zu tun, um in 100 Jahren möglichst viel relevantes Kulturgut verfügbar zu haben? Die Fokussierung und Reduktion der Sammlungsbestände und die nachhaltige Gestaltung der Aufbewahrung kann eine der möglichen Strategien hierfür darstellen.

ANMERKUNGEN

 1 Unter der Nutzungswahrscheinlichkeit ist die Gesamtheit der Zugriffe auf ein Objekt zu verstehen, sei dies für die wissenschaftliche Forschung, Ausbildung oder für Ausstellungen. 

2 Im Gegensatz zum Archivbereich, wo jeweils kantonale Gesetze die Erhaltung bestimmter Bestände über einen definierten Zeitraum vorschreiben, existieren in der Schweiz keine analogen Gesetze für bewegliche Kulturgüter. Existierende Gesetze (z.B. Natur- und Heimatschutzgesetz SR 451) fordern den Schutz, die Pflege und die Aufbewahrung der als schützenswert bezeichneten Objekte, geben aber immer auch die Möglichkeit, über definierte Prozesse Objekte zu deklassieren. Analog dazu empfiehlt der internationale Museumsverband ICOM international in seinem Code of Ethics (2013) in den Abschnitten 2.12 bis 2.17 ein klar strukturiertes Vorgehen beim Umgang mit Entsammeln, verbietet dieses aber nicht. Eine juristische Einschränkung der Entsammlungsmöglichkeit kann also einzig aus rechtlichen Grundlagen der einzelnen Museen hervorgehen (Stiftungsurkunden, Statuten, etc.). 

3 Dies ist die grundsätzliche Arbeitsweise von Archivaren und Archäologinnen. 

Autor: Dr. phil. Joachim Huber, Kunsthistoriker und Museumsplaner, beschäftigt sich seit 1997 mit der Planung, Einrichtung und Bewirtschaftung von Museumsdepots. Zunehmend treten dabei auch strategische Fragen der langfristigen Erhaltung von Kulturgut in den Vordergrund. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

In: Museums.CH 09/2014, Zeitschrift des Verbands der Museen der Schweiz und ICOM Schweiz, S. 18-25.
Vollständiger Artikel unter Download

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Werden Normen den spezifischen Anforderungen der Kulturgüter-Erhaltung gerecht?

Im Zusammenhang mit Qualitätssicherungsmassnahmen wird auch im Bereich der Kulturgüter-Erhaltung der Ruf nach Normen immer lauter. Eine Entwicklung, welche kritisch zu hinterfragen ist, da Regelungen geschaffen werden, welche die Lösungsfindung zum Teil eher behindern, als dass sie zur zweckmässigen Lösung des Problems beitragen.


Es scheint sinnvoll, zunächst die immer wieder schlagwortartig verwendeten Begriffe zu definieren. Eine (technische) Norm ist eine allseits rechtlich anerkannte und durch ein offizielles Normungsverfahren beschlossene, allgemeingültige sowie veröffentlichte Regel
zur Lösung eines Sachverhaltes. Voraussetzung für eine technische Norm ist, dass sie technisch ausgereift ist und einen Nutzen für den Anwender hat. Normungsverfahren können auf nationaler oder auf internationaler Ebene von anerkannten Normungseinrichtungen wie zum Beispiel der Schweizerische n Normenvereinigung SNV, dem Deutsche n Institut für Normung DIN oder dem Comité Européen de Normalisation CEN erarbeitet werden.
Eine Richtlinie ist eine Handlungsvorschrift bindenden Charakters, aber nicht gesetzlicher Natur. Sie wird von einer Organisation ausgegeben, und letztere kann bei einem Verstoss auch Sanktionen gegen ihre Mitglieder ergreifen. 
Eine Leitlinie oder Empfehlung ist schwächer als eine Richtlinie. Sie spiegelt die allgemein akzeptierten Standards. 
Erschwerend kommen die aus dem Englischen stammenden und oft falsch eingesetzten Begriffe Standard und Guideline hinzu. Im Englischen gibt es einerseits den «de facto
standard», der dem deutschsprachigen «Industriestandard» entspricht und ein herstellerspezifisches, freiwillig, aber weit verbreitet angewendetes pragmatisches Regelwerk bedeutet. Andererseits bezeichnet der englische «de jure standard» eine gesetzlich verbindliche Norm. Der Begriff Guideline wird in deutschsprachigen Texten entweder als Richtlinie oder als Leitlinie/Empfehlung verwendet. Der Begriff der Norm wird umgangssprachlich oft fälschlich für Richtlinien und Empfehlungen verwendet.

Reglementierungen im Kulturgüterbereich
Eine technische Norm hat den Zweck, wiederkehrende gleichartige Vorgänge zu vereinheitlichen mit dem Ziel, dem Nutzer erhöhte Sicherheit, Zuverlässigkeit, Reproduzierbarkeit und garantierte Funktionsweise/Eigenschaften zu bieten. Im Bereich der Kulturgüter-Erhaltung handelt es sich in den meisten Fällen jedoch gerade nicht um einen immer wiederkehrenden gleichartigen Vorgang und schon gar nicht um homogene und reproduzierbare Objekte, die rezeptartiges Handeln ermöglichen würden. Die Komplexität von Kulturgüter-Erhaltung als Aufgabe sowie die je nach Standpunkt unterschiedlichen Auffassungen von Kulturgüter-Erhaltung im Allgemeinen lassen keine universell einsetzbaren und verbindlichen Verfahren zur Erhaltung, Pflege und Nutzung
von Kulturgut zu. Dennoch wird zunehmend versucht, einzelne Aspekte verbindlich festzulegen und in ein starres Normenkorsett zu zwängen. Oft werden dabei Einzelaspekte losgelöst vom Kontext betrachtet und herausgegriffen, ohne die Gesamtproblematik genügend zu berücksichtigen. Dies widerspiegelt die Tatsache, dass die heutige Gesellschaft Mühe bekundet, komplexe Probleme gesamthaft anzugehen, und zunehmend das Gewicht auf die (einfachere) Betrachtung von abgrenzbaren Einzelaspekten legt. Durch die Beschäftigung mit Teilbereichen gerät das Gesamte allzu oft aus dem Blickfeld. Während bisher vor allem regionale oder nationale Bemühungen um Vereinheitlichung bestanden, welche in mehr oder weniger praxisnahen Richtli nien und Empfehlungen
mündeten – etwa die Vergabe von Konservierungsaufträgen, die Dokumentation von Konservierungen, die Archivierung und jüngst auch die Konservierung einzelner Objektgruppen (Richtlinien zur Erhaltung von Glasmalereien) –, sind nun auch
Bestrebungen im Gang, zahlreiche Bereiche der Kulturgüter-Erhaltung europaweit mit verbindlichen EU-Normen zu reglementieren. Diese Normen werden nicht nur die durchaus sinnvollen Bereiche der naturwissenschaftlichen Analytik oder der Materialprüfung umfassen, sondern sollen unter anderem explizit Vorgaben zur Konservierungsmethodik machen. Die Gefahr besteht, dass Normen und enge Richtlinien ein unreflektiertes, rezeptmässiges Vorgehen fördern, bei welchem ohne umfassendes Einbeziehen und Abwägen aller möglicher Nutzen und Risiken für die Kulturgüter gehandelt wird.
Das technische Komitee 346 (TC 346) des Europäischen Komitees für Normen arbeitet bereits an den Normen für mobile und immobile Kulturgüter. Eine Verweigerungshaltung im Sinne von «wir wollen keine Normen» ist daher nicht mehr angebracht. Vielmehr sollte über die in der Schweiz und einigen anderen Ländern eingerichteten so genannten Spiegelgremien der Verlauf des Normungsverfahrens eng beobachtet und sinnvoll kommentiert werden. Zudem sollte in der interessierten Öffentlichkeit eine Grundsatzdiskussion angestossen und daraufhin gearbeitet werden, nicht noch mehr rechtlich verbindliche Normen und Reglemente zu schaffen, sondern Empfehlungen und Hilfestellungen zum Entscheidungsprozess zu bieten.

Was die Kulturgüter-Erhaltung braucht
Für die Kulturgüter-Erhaltung sollten in erster Linie klare Zielvorgaben den Rahmen für das ethisch und fachlich begründete Handeln abstecken. Auch diese Zielvorgaben sind zeit- und kulturabhängig und müssen regelmässig hinterfragt und dem gegenwärtigen
Wissensstand angepasst werden. Klare Ziel- und Prioritätensetzungen können helfen, in der Gesamtheit der zu erhaltenden
Kulturgüter eine Leitlinie zu schaffen und Ressourcen effektiv im Sinne der langfristigen Erhaltung von Kulturgut einzusetzen. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass unter Berücksichtigung der Gesamtsituation Risiken in Kauf genommen werden müssen, welche im Einzelfall kaum toleriert würden. Der Blick auf das Einzelne hat immer vor dem Hintergrund des Gesamten und der vorhandenen Möglichkeiten zu erfolgen. Für das einzelne Objekt, das oft ein Unikat darstellt, müssen durch ausgebildete Fachpersonen verschiedenster Fachbereiche die unterschiedlichsten Aspekte erfasst und beurteilt werden. Aufgrund allgemeiner und objektspezifischer Zielvorgaben – wie wird beispielsweise das Objekt künftig aufbewahrt, ausgestellt, genutzt? – können sodann Erhaltungsmassnahmen im weitesten Sinne bzw. Nutzungen festgelegt sowie deren Nutzen und Risiken im Gesamtzusammenhang zum Beispiel eines Gebäudes, eines Museums, einer Sammlung oder einer Ausstellung evaluiert werden. Dieser Vorgang basiert auf grosser Sachkenntnis, langjähriger Erfahrung sowie einem breiten Wissenshorizont und kann durch Normen nicht ersetzt werden. Lösungen und Entscheide zum Kulturgut sind immer abhängig von spezifischen Umgebungsbedingungen (Klima, Licht, Nutzung etc.) vom Umfeld (Kulturverständnis, Politik, soziologisches Umfeld, Zeitgeist) und von den vorhandenen Ressourcen (Material, Techniken, Know-how, Geld, Personal). Im Rahmen der Kulturgüter-Erhaltung scheint es daher we nig sinnvoll, mit verbindlichen Normen festzulegen, wie eine Massnahme zu erfolgen hat und so den Handlungsspielraum qualifizierter Fachkräfte einzuengen bzw. nicht umsetzbare – zum Beispiel nicht finanzierbare – Forderungen aufzustellen. Vielmehr sind grundsätzliche Leitlinien und Empfehlungen auf der Höhe des aktuellen Wissens gefragt, um adäquate Lösungen zu finden und in der geforderten Qualität umzusetzen. Mittels Checklisten und Entscheidungsbäumen kann beispielsweise sichergestellt werden, dass kein wichtiger Aspekt in der Risikoabwägung und Entscheidungsfindung vergessen wird. Nicht die Lösung ist vorzugeben, sondern das ethisch begründbare Ziel der Massnahme. Dieses Ziel sollte bezüglich der konkreten Situation das Optimum im Gegensatz zum oft geforderten Maximum darstellen.

Karin von Lerber, dipl. Konservatorin/Restauratorin FH, Museumsberaterin und Joachim

Huber, Dr. phil. Kunsthistoriker, Museumsberater sind Geschäftsführer der Firma Prevart

GmbH – Konzepte für die Kulturgütererhaltung – Museumsplaner, Winterthur,

www.prevart.ch

Zuerst erschienen als E-Publikation des Nike Bulletins 2005

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Das Ende der Fahnenstange?

Zu Beginn unserer Geschäftstätigkeit konnte man sich sein Geschäftsfeld in der Museumswelt noch selber aufbauen. Man suchte sich eine Nische und besetzte sie. Mit einer Portion Blauäugigkeit, etwas Mut und gesundem Menschenverstand versuchte man mit und für die Kunden Aufgaben zu lösen. Der Klimawandel war erst ein marginales Thema und die Klimaforderungen für Museen und deren Depots wurden munter weiter verschärft und kaum hinterfragt. Von giftigen Substanzen in Sammlung sprach nur eine Handvoll Spezialisten. Man hatte im Wesentlichen noch vertretbare Ansprüche und war sich zuweilen noch bewusst, dass meistens die öffentliche Hand (also wir als Steuerzahler) die gestellten Rechnungen beglich.

Vieles hat sich seither verändert, wobei man sich zusehends von der Realität entfernte. Es geht nicht mehr darum Lösungen zu finden, sondern Verantwortungen abzuschieben, alles mögliche und unmögliche möglichst lückenlos zu dokumentieren und möglichst keine Entscheidungen mehr zu treffen (dafür heuert man Berater an, die eigentlich Entschiedungen per Definition nicht treffen können). Strategien, Konzepte, Berichte und Machbarkeitsstudien traten an die Stelle des pragmatischen Handelns. Manch ein Projekt versandete über die Jahre und Firmen werden zum wiederholten mal angefragt Grundlagen für den nächsten Anlauf zu erstellen. Geld war und ist (trotz lautem Geklöne) offenbar immer noch genügend da, von der Energie schon gar nicht zu sprechen (sie ist ja auch schon wieder billiger geworden).

Ans Ende der Fahnenstange sind wir derweil noch lange nicht angelangt. Da würde man aus erhöhter Warte den Weitblick sowohl zeitlich wie auch geographisch haben, um zu sehen, dass Museen und deren zuweilen überfüllten Depots bei weitem nicht so bedeutend sind, wie gewisse Beteiligte weiten Kreisen glaubhaft machen möchten. Bescheidenheit ist ohnehin derzeit nicht gefragt. Zaghaft versuchen mittlerweilen auch Museen Energie zu sparen (es macht sich gut), um gleich an anderer Stelle mit fragwürdigen Neubauten, Erweiterungen und Renovationen noch grössere Flächen zu klimatisieren und noch mehr Leute von Nah und (v.a.) Fern in die Häuser zu locken. Man ist stolz auf die grossen Leuchtturmprojekte und demnächst werden wir wohl von einer Art "Overtourism" in Museen hören. Nur das Beste ist uns gut genug - und wer denkt schon an die kleinen, unscheinbaren Museen in der Provinz, die mit banalen Alltagssorgen kämpfen?

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Bescheidenheit ist wohl keine Museumstugend

Bescheidenheit ist wohl keine Museumstugend

Die Kassen sind leer und dennoch überzieht die Kultur wacker ihre (Bau-)Budgets um grosse Summen. Warum ist eine angemessene Bescheidenheit in diesem Sektor so selten anzutreffen? Liegt es an der mangelnde Sorgfalt bei der Planung oder der Tatsache, dass Museen und Sammlungen immer wieder Maximalforderungen stellen, welche zu hinterfragen sich selten jemand wagt. Die Summen sind zum Teil schwindelerregend, aber die öffentliche Hand ist (bislang) stets bereit, Geld nachzuschiessen. Kein Sektor im Bauwesen ist wohl so von Kostenüberziehungen betroffen wie die Kulturbauten, was bekanntlich nicht nur Museen, sondern auch Theater und Musikhäuser betrifft. Es geht aber letztlich noch viel weiter. Ist es so erstaunlich, dass das Kunsthaus Zürich unlängst feststellte, dass seine Betriebs- und insbesondere die Personalkosten seit Inbetrebnahme des neuen sogenannten Chipperfield-Erweiterungsbaus - welche eine Überraschung - markant gestiegen sind? Wusste man dies nicht bereits, als man sich entscheid grösser zu werden? Da helfen auch grosszügige Spenden und Sammlungen nur wenig - am Schluss ist es die öffentliche Hand, welche gerade stehen muss. Museen müssen sich wahrlich fragen, welches ihre Rolle und ihre Bedeutung ist und ob die Gesamtgesellschaft wirklich willens ist, diese stetig steigenden Aufwendungen auch in Zukunft weiter so grosszügig zu tragen. Wäre da nicht einen Bescheidenheit gefragt; eine Fokussierung, die nicht nach dem allgemeinen Motto "grösser ist besser" geht? Wir werden uns in Anbetracht vielfältiger anderer Aufgaben in Zukunft nicht mehr alles leisten können. Umso mehr erscheint es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was und wieviel davon uns wirklich wichtig ist.

Dazu zwei jüngst erschienene Artikel aus der deutschsprachgen Presse:

 Pergamonmuseum Berlin

"Die Sanierung des Berliner Pergamonmuseums droht erneut teurer zu werden. Das Budget von fast 490 Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt ist nahezu ausgeschöpft. Das geht aus Unterlagen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hervor, die dem SPIEGEL vorliegen. Demnach liegt die Kostenprognose nur noch etwa 1,5 Millionen Euro unter dem Budget. »Das Risiko für einen weiteren Nachtrag ist hoch«, notierte das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung bereits im September.

Ob der Kostenrahmen inzwischen gesprengt ist, ist nicht bekannt: Es ist laut Stiftung derzeit unklar, ob ein weiterer Nachtrag nötig sei. Es gab bereits zwei Nachträge für diesen Bauabschnitt, der unter anderem den Pergamonsaal und die Mschatta-Fassade umfasst. Zudem ist die beabsichtigte teilweise Wiedereröffnung des Museums am 13. April 2027 möglicherweise durch die Kündigung einer Baufirma gefährdet. Man habe den Plan nun verdichtet, heißt es in den Papieren, es könnten schon »kleine Verzögerungen direkt auf den Endtermin durchschlagen«. Laut Stiftung soll der Abschnitt wie geplant wieder eröffnen. Die Sanierung des gesamten Museums bis frühestens 2037 soll 1,5 Milliarden Euro kosten."

Aus: Der Spiegel, 17.05.2024

Kunsthaus Zürich

"Die Pandemie, ein Brandfall im Packraum des Altbaus und die Kontroversen um die Sammlung Bührle: In der jüngeren Vergangenheit kämpfte das Kunsthaus wiederholt mit Schwierigkeiten. Nun hat das Museum finanzielle Probleme. Das zeigen die Zahlen des Jahresberichts 2023. Die Zürcher Kunstgesellschaft, die als Trägerverein des Museums figuriert, ist mit rund 4,5 Millionen Franken in den roten Zahlen.

Die Verschuldung ist in den letzten zwölf Monaten um mehr als 1,5 Millionen Franken angestiegen. Die Einnahmen durch Eintrittstickets sind rückläufig. Sie reduzierten sich gegenüber dem Jahr 2022 von 5,2 auf 4,6 Millionen Franken. Auch die Erträge im Museumsshop sind gesunken, nämlich von 2,38 auf 2,1 Millionen Franken. Ebenso die Einnahmen durch die Kunstvermittlung, die von 660 000 auf 525 000 Franken zurückgegangen sind.

Das erstaunt einigermassen. Zu erwarten wäre, dass das Kunsthaus Zürich durch den Chipperfield-Erweiterungsbau und die Zugänge der Sammlungen Bührle, Merzbacher und Looser seit Herbst 2021 an Attraktivität zugelegt hat. Das Jahr 2022 war als das erste volle Betriebsjahr des erweiterten Kunsthauses mit 555 529 Eintritten tatsächlich ein Rekordjahr, was die Besucherzahlen betrifft. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 504 349 Eintritte. Das entspricht einem Rückgang von 9,2 Prozent.

Der Besucherschwund wird im Jahresbericht des Kunsthauses auf den Rückgang der Neugier bezüglich Chipperfield-Bau und der darin untergebrachten neuen Sammlungen zurückgeführt. Der neue Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft, Philipp Hildebrand, gibt sich dennoch zufrieden. Für das erweiterte Kunsthaus seien ursprünglich 400 000 Eintritte angepeilt worden.

Mehr Personalaufwand

Tatsache ist, dass der Betrieb des Kunsthauses seit Eröffnung des Chipperfield-Baus Verluste einfährt. Ein Grund für den Publikumsrückgang dürfte nicht zuletzt auch bei den Ausstellungen liegen. Eine veritable Blockbuster-Schau gab es seit der Erweiterung des Kunsthauses nicht.

Auf einiges Interesse stösst immerhin die Neupräsentation der Sammlung Bührle mit 500 bis 1000 Besuchern pro Tag. So gehört das Kunsthaus Zürich nach wie vor zu den meistbesuchten Museen der Schweiz. An den fehlenden Eintritten allein kann es also nicht liegen, dass das Kunsthaus immer tiefer in die roten Zahlen rutscht.

Hauptursache für die Verschuldung des Kunsthauses ist eine Zunahme der Kosten. Das ist auch auf einen erhöhten Bedarf an Personal zurückzuführen. «Ein neues Museum, das doppelt so gross ist wie das alte, bringt neue und oft unerwartete Herausforderungen mit sich», schreibt Philipp Hildebrand im Vorwort des Jahresberichts. Personal- und Betriebsaufwand sind um rund 1,5 Millionen Franken gestiegen.

Zugenommen haben allerdings auch die Gelder der öffentlichen Hand. Die Stadt Zürich erhöhte ihre Unterstützung gegenüber dem Vorjahr teuerungsbedingt um rund 300 000 Franken. Jährlich steuert die Stadt 13,3 Millionen Franken bei. Das ist fast die Hälfte der Gesamteinnahmen des Kunsthauses von 28,6 Millionen. Bereits zur Eröffnung des Kunsthaus-Erweiterungsbaus im Oktober 2021 wurden die städtischen Subventionen erheblich angehoben, nämlich um 4,5 Millionen Franken.

Unabhängige Beratung

Um die Auswirkungen des doppelt so grossen Museumsbetriebs in den Griff zu bekommen, hat sich das Kunsthaus bei der Beratungsfirma Boston Consulting Group Hilfe geholt, wie dem Jahresbericht zu entnehmen ist. Dabei verfügt die Kunstgesellschaft mit ihrem neuen Präsidenten selber über einen Finanzexperten. Der Ex-Nationalbank-Chef und Blackrock-Banker Philipp Hildebrand kündete an: «In den kommenden Jahren werden Schritte unternommen, um die immensen Auswirkungen dieser physischen Erweiterung auf den Betrieb und die Finanzierung des Museums zu bewältigen.»

Neben einer neuen Strategie beim Fundraising wird das Kunsthaus Sparmassnahmen vornehmen, die ausgerechnet das so umworbene Publikum zu spüren bekommen wird. So sollen die Öffnungszeiten am beliebten Mittwochabend verkürzt werden. Auch ist eine Erhöhung der regulären Eintrittspreise, der Tarife von privaten Führungen und der Gebühr für die Nutzung des Audioguides vorgesehen.

Die finanziellen Herausforderungen werden jedenfalls auch in naher Zukunft gross bleiben. In wenigen Jahren sollen die Gebäudeteile von Moser, Müller und Pfister den Nachhaltigkeitskriterien angepasst werden, die bereits für den Chipperfield-Bau umgesetzt wurden."

Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2024 

Es braucht dringend eine breite und ergebnisoffene Diskussion um Sinn und Unsinn immer aufwändigerer und kostspieligerer Kulturbauten, welche eigentlich schon heute auf "Pump" und zu Lasten kommender Generationen entstehen oder erweitert werden. Was es braucht sind Investitionen in die Qualifikation unserer Museen und Sammlungen und nicht in erster Linie in deren Vergrösserung. Nicht derjenige soll das Geld erhalten, der am lautesten schreit nach "mehr", sondern derjenige, der eine langfristige Perspektive für Museen (inkl. Sammlungen!) aufzeigt, welche gesellschaftlich akzeptiert und finanziell auch langfristig tragbar ist. 

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